Es ist (noch) Pride-Month – Diese Tatsache und die immer wieder teils heftig und fundamental geführten Diskussionen um Geschlechtsidentität und biologisches Geschlecht in den sozialen Netzen haben mich dazu veranlasst, mich vonseiten der Onkologie des Themas anzunehmen – mit dem Versuch, einen neuen, vielleicht etwas anderen Blickwinkel auf die Gender-Diskussion zu finden.
Fakt ist: ein großer Teil unseres Lebensgefühls und positiven Selbstbildes speist sich aus unserer sexuellen Identität und dem gelebten Rollenverständnis in Gesellschaft und Partnerschaft; dies betrifft alle Ebenen des menschlichen Daseins – körperlich, mental, seelisch und sozial. Unser positives Körperbild ist generell ein entscheidender Faktor für die empfundene Lebensqualität [2, 15, 19]. Hierbei spielt u.a. eine Rolle, wie gut wir einem männlichen oder weiblichen Stereotyp und Rollenbild, unserem sozialen Geschlecht, gerecht werden können (bzw. wollen): sind wir eine „ganze Frau“, ein „echter Kerl“?! Entspricht unser Körperbild oder unsere Geschlechtsidentität (engl. „Gender“) jedoch nicht dieser gesellschaftlichen Norm, so ergibt sich aus dieser Diskrepanz ein krank machendes Konfliktpotenzial.
Queere Identitäten (z.B. non-binär, inter* / trans*)
sind Realität und haben eine Daseinsberechtigung!
Es gibt Menschen, deren Geschlechtsidentität nicht dem bei Geburt zugewiesenen Geschlecht entspricht, von denen dann ein Leben lang erwartet wird, dass sie einem ‚falschen‘ Rollenbild gerecht werden.
Die Probleme beginnen damit, dass sehr früh – nämlich i.d.R. direkt bei Geburt – alleine aufgrund der Inspektion unserer Geschlechtsorgane auf unser (vermeintliches) biologischen Geschlecht, auf unsere Geschlechtsidentät und selbst unsere sexuelle Orientierung geschlossen wird: haben wir zum Beispiel bei Geburt weibliche Geschlechtsorgane, so wird angenommen oder gar erwartet, dass wir auch eine weibliche Geschlechtsidentität aufweisen, einem weibliches Rollenbild entsprechen werden und uns in der Regel sexuell zum männlichen Geschlecht hingezogen fühlen (und vice versa) [17].

Häufig missverstanden wird, dass die Geschlechtsidentität, ebenso wie die sexuelle Orientierung, Teil unserer Persönlichkeit ist und nicht bewusst gewählt oder willentlich gewechselt werden kann. Gerade in den jungen Generationen finden immer mehr Menschen den Mut, ihre von der bisherigen, dichoton geprägten, traditionellen, oft zu stereotypen Norm abweichenden Geschlechtsidentitäten offen zu leben. Studien zufolge nimmt der Anteil an an nicht gender-konformen jungen Menschen in den USA stetig zu und beträgt geschätzt bis zu 3% [18]. Dies mag man als reine Modeerscheinung abtun – oder man erkennt an, dass hierdurch ein bislang unterdrücktes, fundamentales Bedüfnis endlich Ausdruck finden kann; vielleicht ermutigt durch populäre Beispiele und positive Rollenbilder, die es zuvor einfach nicht gab.
Selbst rein biologisch betrachtet gibt es Menschen, die tatsächlich geschlechtlich in keine „Schublade“ männlich/weiblich passen; auch in der Tier- und Pflanzenwelt ist dies ein weit verbreitetes Phänomen. Das traditionelle Verständnis „nur“ zweier Geschlechter lässt sich somit nicht aufrecht erhalten [1].
Inter* bezeichnet solche Menschen, die nicht mit eindeutigen, gemischten körperlichen Geschlechtsmerkmalen, bzw. mit körperlichen Eigenschaften beider Geschlechter geboren werden (einschließlich primärer und sekundärer Geschlechtsorgane). Das Sternchen soll in diesem Zusammenhang ‚Raum für verschiedenste Identitäten‘ lassen.
Die erweiterte Definition von inter* Personalität schließt außerdem auch Menschen ein, deren Geschlechtsidentität (gender) von der ‚binären Norm‘ abweicht oder Merkmale verschiedner Geschlechter vereint; meist wird letzteres in Abgrenzung von der engen Inter*-Definition aber eher als non-binär bezeichnet. Die Zahl von Inter*/non-binären Menschen wird, je nach Definition, in Deutschland auf ca. 8.000–120.000 geschätzt.
Trans* ist ebenfalls ein Überbegriff für Menschen, die sich nicht mit dem ihnen bei Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren, sich aber generell einer der beiden Geschlechtsidentitäten zugehörig fühlen. Dies gilt sowohl für trans* Männer, die also bei Geburt als ‚weiblich‘ einkategorisiert wurden, für trans* Frauen, die ‚männlich‘ im Stammbuch stehen haben, wie auch für Menschen, die sich keiner Geschlechtzuordnung unterwerfen wollen oder können. Der Bevölkerungsanteil an Trans* Menschen in Deutschland wird von offizieller Seite auf ca. 0.04% – 0.1% geschätzt. Die Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität (dgti) e.V geht von ca. 60.000 bis 100.000 Personen aus [23].
Die Akzeptanz queerer Lebensmodelle ist für Betroffene eine Frage von Leben und Tod!
Queere Menschen haben ein erhöhtes Risiko, das Opfer von psychischer und physischer (sexualisierter) Gewalt zu werden, darüber hinaus kommen auch Depression, Selbstverletzung und Suizid dramatisch häufig vor [21]. Aktuelle Studien gehen davon aus, dass etwa die Hälfte bis zwei Drittel der Transgender oder gender-nonkonformen Menschen (TGNC) zumindest an Selbstmord denken; circa ein Drittel der TGNC Menschen haben im Laufe ihres Lebens tatsächlich bereits einen Selbstmordversuch unternommen [10, 13].
Wenn Krankheit die sexuelle Identität und das Selbstbild infrage stellt
Selbst, wenn biologisches und soziales Geschlecht mit unserer Geschlechtsidentität grundsätzlich übereinstimmen, können äußere Umstände eintreten, die unser Körperbild und die sexuelle Identität infragen stellen.
Brustkrebspatientinnen leiden zum Beispiel nach einer Brust-Operation häufig unter einer gestörten Körperwahrnehmung und einer belastenden Diskrepanz zum weiblichen Rollenbild [22]. Die dadurch bestehenden Beschwerden sind umso größer, je stärker die Patientinnen ein traditionelles weibliches Rollenverständnis haben [3]. Mit dem Verlust einer intakten Brust werden für die Betroffenen subjektiv gleichsam die Wurzeln der weiblichen sexuellen Identität infrage gestellt, was nicht selten zu existenziellen Krisen führt. Ein Problemfeld, dem nach Einschätzung vieler Patientinnen therapeutisch noch zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird [12, 16].
Nach der Behandlung eines Prostatakarzinom erleben männliche Patienten häufig eine Krise ihrer sexuellen Identität und in der Folge ihres Selbstbewusstseins und der Lebensqualität [4].
Auch viele andere (ungewollte) körperliche Veränderungen führen zu einem gestörten Selbstbild und einer deutlich reduzierten Lebensqualität. So ist das (real gemessene oder subjektiv empfundene) Körpergewicht ein großer Faktor, der zu einem gestörten Selbstbild führen kann [2, 9]. Menschen mit Hauterkrankungen haben ein hohes Risiko für ein gestörtes Selbstbild, Depressive Verstimmung und Angststörungen bis hin zu einem erhöhten Risiko für Suizid [6, 20].
Problematisch und als besonders stigmatisierend empfunden sind Themen, die (Krebs-)Erkrankungen, welche die oben genannten sexuellen Minoritäten betreffen [5, 7, 11]. Insgesamt scheuen queere Menschen aus verschiedenen und auch nachvollziehbaren Gründen eher den Arztbesuch, der oft als belastend, unsensibel und nicht adäquat den Bedürfnissen gerecht werdend empfunden wird; dies ist besonders augenscheinlich bei Erkrankungen, die primäre und sekundäre Geschlechtsorgane betreffen [8, 14].
Fazit
Bei keinem Artikel bisher erschien mir die Wortwahl so wichtig – Für keinen habe ich mir daher mehr Zeit genommen und mehr Überarbeitungen eingebracht. Dennoch bin ich (noch) nicht ganz zufrieden – es ließe sich noch so viel mehr so viel besser schreiben! Trotz allem habe ich mich dazu entschieden, den Text in der aktuellen Form zu veröffentlichen. Denn er ist mir viel zu wichtig, um ihn in meinem „Entwurfsordner“ versauern zu lassen…
Mein Fazit kann nur ein Appell an mehr gesellschaftliche und persönliche Toleranz gegenüber als anders empfundener Lebensmodelle oder Körperbilder sein. Denn je starrer das „Schubladendenken“, desto größer das Leiden, wenn jemand einmal nicht diese eine Schublade passt… Wichtig ist zu akzeptieren: wir können uns unsere sexuelle Identität nicht heraussuchen oder willkürlich wechseln. Diskrepanzen zwischen Körper und Selbstbild – egal ob durch Operation und Krankheit oder ‚Störung der sexuellen Identität‘ – sind nicht so einfach beeinflussbar und müssen dringend ernst genommen werden, da sie zu reduzierter Lebensqualität, Depression bis hin zu Suizidalität führen. Dabei spielt die Frage nach „Henne und Ei“ – also, was war zuerst da: der „falsche Körper“ oder die andere sexuelle Identität, bzw. das gestörte Selbstbild – keine Rolle, da beides ohnehin ganzheitlich miteinander verwoben ist.
Weiterführende Links
| Krebs und Sexualität – ein doppeltes Tabu | |
| Krebsinformationsdienst – Sexualität und Krebs Sexualität und Krebs |
| Mein Geschlecht Das Portal für trans* inter* und genderqueere Menschen |
Literatur und Quellen
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