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»Cancer Related Fatigue« – mehr, als nur Erschöpfung

Jeder ist mal müde, kraft­los und erschöpft – die »Tumo­r­as­so­zi­ier­te Fati­gue« (engl. Can­cer Rela­ted Fati­gue, CrF) ist jedoch ein häu­fig vor­kom­men­des und sehr belas­ten­des Pro­blem von Krebs­pa­ti­en­ten, das weit über eine nor­ma­le Erschöp­fung hin­aus­geht. Hier ist es nicht mit einer „guten Müt­ze Schlaf“ oder einem schö­nen Urlaub zur Erho­lung getan – wie lei­der all­zu oft wohl­mei­nend aber wenig sach­ge­recht emp­foh­len wird. Viel­mehr braucht es einer kom­ple­xen, mul­ti­mo­da­len Behand­lung, viel Mühe und Geduld, bis die teils stark ein­schrän­ken­de Sym­pto­ma­tik sich bessert.

Über 75% aller Krebs­pa­ti­en­ten lei­den als Fol­ge der Tumor­dia­gno­se und ‑The­ra­pie unter einem krank­haf­ten, chro­ni­schen Erschöp­fungs­syn­drom. Die­se Fati­gue­sym­pto­ma­tik ist damit eine der häu­figs­ten nega­ti­ven Fol­gen einer Krebserkrankung- und The­ra­pie. Die Sym­pto­me sind viel­ge­stal­tig und kön­nen sowohl ein kör­per­li­ches, wie auch see­li­sches und men­ta­le Erschöp­fungs­ge­fühl beinhal­ten (s. Tabel­le 1); Im Unter­schied zu einer nor­ma­len Erschöp­fung brin­gen jedoch Erho­lungs­pha­sen oder Schlaf kei­ne rich­ti­ge Bes­se­rung der Symptome.

Pati­en­ten mit CrF ver­fü­gen über man­geln­de Ener­gie­re­ser­ven, sie lei­den unter Antriebs- und Inter­es­sen­lo­sig­keit, und berich­ten häu­fig über Konzentrations- und Gedächt­nis­stö­run­gen. Auch Schlaf­stö­run­gen, Unwohlsein/Schmerzen sowie Angst und Depres­sio­nen kön­nen mit einer CrF ver­ge­sell­schaf­tet sein. Durch die chro­ni­sche Erschöp­fung gelan­gen Pati­en­ten häu­fig in einen Teu­fels­kreis aus gerin­ger Leis­tungs­fä­hig­keit, Scho­nungs­ver­hal­ten durch Ver­mei­dung von Anstren­gung und dadurch wei­te­rem Rück­gang der Leistungsreserven.

CrF führt nicht nur zu einem Rück­gang der Lebens­qua­li­tät der betrof­fe­nen Pati­en­ten, son­dern ist ganz hand­fest mit einer Reduk­ti­on der Über­le­bens­zeit und erhöh­ter Sterb­lich­keit verbunden ​[1]​.

Diagnosekriterien der CRF

Neben einer chro­ni­schen Müdig­keit (Kri­te­ri­um 1) spie­len noch wei­te­re Sym­pto­me bei der CrF-Diagnose eine Rol­le. Ins­ge­samt müs­sen, um die Dia­gno­se CrF stel­len zu kön­nen, sechs der fol­gen­den Kri­te­ri­en zusammenkommen:

  1. Deut­li­che Müdig­keit, Ener­gie­ver­lust oder ver­stärk­tes Ruhebedürfnis
  2. All­ge­mei­ne Schwä­che oder schwe­re Glieder
  3. Ver­min­der­te Kon­zen­tra­ti­on und Aufmerksamkeit
  4. Ver­rin­ger­te Moti­va­ti­on oder Inter­es­se an Aktivitäten
  5. Schlaf­lo­sig­keit oder ver­mehr­ter Schlaf
  6. Schlaf wird nicht als erhol­sam erlebt
  7. Star­ke Anstren­gung nötig, um Inak­ti­vi­tät zu überwinden
  8. Deut­li­che emo­tio­na­le Reak­ti­on (z.B. Trau­rig­keit, Frus­tra­ti­on oder Reizbarkeit)
  9. Schwie­rig­kei­ten, all­täg­li­che Auf­ga­ben zu erledigen
  10. Pro­ble­me mit dem Kurzzeitgedächtnis
  11. Unwohl­sein nach Anstrengung

Ursachen der Fatigue

Die genau­en Ursa­chen und bio­lo­gi­schen Mecha­nis­men, die zur Ent­ste­hung der CrF bei­tra­gen, sind lei­der weit­ge­hend unklar. Ver­mut­lich han­delt es sich um ein Gesche­hen, in dem meh­re­re Fak­to­ren wäh­rend der Krebs­er­kran­kung und ‑the­ra­pie in unter­schied­li­cher Aus­prä­gung bei­tra­gen; inso­fern ver­ber­gen sich unter dem „Sam­mel­be­griff“ der chro­ni­schen Fati­gue ver­mut­lich eine viel­zahl eigent­lich ganz unter­schied­li­cher Erkran­kun­gen und Gesund­heits­stö­run­gen. Dies hat wie­der­um zu einem „Wild­wuchs“ an Spe­ku­la­tio­nen und Hypo­the­sen geführt – ein Umstand, der im bald erschei­nen­den drit­ten Teil die­ser Arti­kel­se­rie behan­delt wer­den soll.

Fol­gen­de Auf­lis­tung zeigt nur eini­ge der mög­li­chen Ein­fluss­fak­to­ren für die Tumo­r­as­so­zi­ier­te Fatigue ​[1,2]​:

Ursa­chenBei­spie­le
Krebs­the­ra­pieChe­mo­the­ra­pie, Bestrah­lung, Ope­ra­ti­on, Immuntherapie
See­lischÄngst­lich­keit, Depres­si­vi­tät, see­li­sche Belastungsfaktoren
Kör­per­lichBlut­ar­mut, Man­gel­er­näh­rung, Stoff­wech­sel­stö­run­gen, Hor­mon­un­gleich­ge­wicht, geschwäch­te Immunfunktion
Ver­hal­tenRedu­zier­te kör­per­li­che Akti­vi­tät, Ernährungsverhalten
Begleit­erkran­kun­genSchmer­zen, Schlaf­pro­ble­me, Infek­tio­nen, Organschäden

Behandlungsmöglichkeiten

Gra­fik 1: Behand­lungs­op­tio­nen der Chro­ni­schen Fati­gue (modi­fi­ziert nach ​[2]​)

Obwohl man noch nicht vie­les über die genau­en Hin­ter­grün­de der Fatigue-Symptomatik weiß, gibt es durch­aus zahl­rei­che Erkennt­nis­se, wel­che Behand­lun­gen zur Bes­se­rung der Beschwer­den bei­tra­gen kön­nen. Um dies vor­weg zu neh­men: am bes­ten scheint die Kom­bi­na­ti­on ver­schie­de­ner, ins­be­son­de­re nicht-medikamentöser Behand­lungs­an­sät­ze zu funk­tio­nie­ren – ganz so, wie es in den Kon­zep­ten einer zeit­ge­mä­ßen Reha­bi­li­ta­ti­on ohne­hin vor­ge­se­hen ist (ein Arti­kel dazu folgt).

Turnschuhe anziehen!

Die Bewe­gungs­the­ra­pie spielt eine beson­de­re Rol­le: In zahl­rei­chen Stu­di­en wur­den Betrof­fe­ne medi­ka­men­tös, psycho- und phy­sio­the­ra­peu­tisch behandelt ​[3]​. Die bes­ten Erfol­ge bei der Reduk­ti­on der Erschöpfungs-Symptomatik wur­den dabei mit einem an die indi­vi­du­el­le Leis­tungs­fä­hig­keit der Pati­en­ten ange­pass­ten kör­per­li­chem Trai­ning erzielt; wobei es zwi­schen Kraft- und Aus­dau­er­trai­nig kei­ne gro­ßen Unter­schie­de in der Effek­ti­vi­tät gab ​[4]​. Ent­schei­dend waren viel­mehr die Regel­mä­ßig­keit und aus­rei­chen­de Trainingsintensität ​[5,6]​. Unter Anlei­tung eines The­ra­peu­ten oder Trai­ners gelang dies meist bes­ser, als beim Trai­ning für sich allei­ne. Je stär­ker aus­ge­prägt die Fati­gue war, des­to mehr pro­fi­tier­ten die Pati­en­ten von einer Bewegungstherapie ​[5,7]​.

Ver­schie­de­ne psycho-edukative Ansät­ze sol­len bei­spiels­wei­se das Selbst­ma­nage­ment der Pati­en­ten unter­stüt­zen und Betrof­fe­nen hel­fen, im All­tag bes­ser mit den Fol­gen der Fati­gue umzugehen ​[2,8]​. Dar­über hin­aus haben sich wei­te­re psy­cho­the­ra­peu­ti­sche Ansät­ze, etwa die Kogni­ti­ve Ver­hal­tens­the­ra­pien (KVT) bewährt, die Ein­stel­lun­gen, Gedan­ken und Über­zeu­gun­gen der Pati­en­ten posi­tiv beein­flus­sen möch­ten. Auch Acht­sam­keits­übun­gen, etwa die so genann­te Mindfulness-based Stress Reduc­tion (MBSR) – hier­zu gehö­ren u.a. Ent­span­nungs­übun­gen, Yoga, Medi­ta­ti­on etc. – und ande­re Tech­ni­ken, zie­len auf eine bes­se­re Ver­ar­bei­tung nega­ti­ver Gefüh­le im Zusam­men­hang mit der Krebs­er­kran­kung, bzw. der Fatigue-Symptomatik ab ​[9]​​​.

Sind ande­re Fak­to­ren erkenn­bar, die zur Fatige-Symptomatik bei­tra­gen, so sol­len die­se natür­lich ent­spre­chend behan­delt wer­den: etwa die Bes­se­rung einer Schlaf­stö­rung, Behand­lung einer Blut­ar­mut mit­tels EPO-Gabe oder Tran­sus­i­on oder Behand­lugn einer Stoff­wech­sel­stö­rung wie Dia­be­tes mel­li­tus oder Schilddrüsenunterfunktion ​[1]​. Nicht zuletzt spielt auch eine gesun­de und aus­ge­wo­ge­ne Ernäh­rung in der Fatigue-Therapie eben­falls eine Rolle.

Was sagen die Leitlinien?

Der­zeit gibt es lei­der noch kei­ne ein­heit­li­che deutsch­spra­chi­ge wis­sen­schaft­li­che Leit­li­nie mit Emp­feh­lun­gen zur Behand­lung der CRF; sehr wohl fin­den sich aber – teils sehr hete­ro­ge­ne – Emp­feh­lun­gen in den Leit­li­ni­en zu den ein­zel­nen onko­lo­gi­schen Erkran­kun­gen – recht vor­bild­lich gelöst etwa in der S3-Leitlinie Mamma-Karzinom ​[10]​. Ange­lehnt an die in den USA und Kana­da bereits in 2015 bzw. 2013 ver­öf­fent­lich­ten Guidelines ​[11,12]​, sowie die seit 2020 gel­ten­de euro­päi­sche Emp­feh­lung der ESMO wird mit der in 2021 ver­öf­fent­lich­ten FiX-Studie erst­mals auf die Ver­sor­gungs­rea­li­tät in Deutsch­land geblickt ​[13,14]​. Zusam­men­fas­send kom­men die Autoren zu dem ent­täu­schen­den Fazit, dass die bestehen­den Leit­li­ni­en bis­lang nur unzu­rei­chend in der Pra­xis umge­setzt wer­den. Onko­lo­gi­sche Pati­en­ten wer­den von ihren behan­deln­den Ärz­ten zu wenig über das Phä­no­men der Fati­gue infor­miert und die Beschwer­den wer­den im Behand­lungs­ver­lauf zu wenig beach­tet – am ehes­ten noch wird aus ärzt­li­cher Sicht auf medi­ka­men­tö­se The­ra­pien zur Behand­lung einer Stoff­wech­sel­stö­rung und/oder Psy­cho­phar­ma­ka ein­ge­gan­gen (Gra­fik 2).

CRF-Therapien
Gra­fik 2: Tat­säch­lich von Pat. mit tumo­r­as­so­zi­ier­ter Fati­gue (CRF) in Anspruch genom­me­ne Behand­lungs­an­ge­bo­te. In grün die ärzt­lich ver­ord­ne­ten The­ra­pien, blau das eigen­stän­dig orga­ni­sier­te Trai­ning, gelb zeigt durch ande­re (z.B. sons­ti­ges Gesund­heits­per­so­nal, Freunde/Bekannte) emp­foh­le­ne Behand­lun­gen; Daten ent­nom­men aus ​[14]​

Im nächs­ten Teil mei­ner Serie zur Tumo­r­as­so­zi­ier­ten Fati­gue geht es um die Behand­lungs­mög­lich­kei­ten in der onko­lo­gi­schen Rehabilitation:

Literatur und Quellen:

  1. [1]
    Hor­ne­ber M, Fischer I, Dimeo F, et al. Cancer-Related Fati­gue. Deut­sches Aerz­te­blatt Online 2012. doi:10.3238/arztebl.2012.0161
  2. [2]
    Stein­dorf K, Schmidt M. Krebs­as­so­zi­ier­te Fati­gue: Extre­me Erschöp­fung. Phar­ma­zeu­ti­sche Zei­tung 2018. Im Inter­net: https://​www​.phar​ma​zeu​ti​sche​-zei​tung​.de/​a​u​s​g​a​b​e​-​1​1​2​0​1​8​/​e​x​t​r​e​m​e​-​e​r​s​c​h​o​e​p​f​u​ng/; Stand: 14.05.2021
  3. [3]
    Mus­ti­an KM, Alfa­no CM, Heck­ler C, et al. Com­pa­ri­son of Phar­maceu­ti­cal, Psy­cho­lo­gi­cal, and Exer­cise Tre­at­ments for Cancer-Related Fati­gue. JAMA Oncol 2017: 961. doi:10.1001/jamaoncol.2016.6914
  4. [4]
    Tom­lin­son D, Dio­rio C, Beyene J, et al. Effect of Exer­cise on Cancer-Related Fati­gue. Ame­ri­can Jour­nal of Phy­si­cal Medi­ci­ne & Reha­bi­li­ta­ti­on 2014: 675–686. doi:10.1097/phm.0000000000000083
  5. [5]
    CAMPBELL KL, WINTERS-STONE KM, WISKEMANN J, et al. Exer­cise Gui­de­lines for Can­cer Sur­vi­vors: Con­sen­sus State­ment from Inter­na­tio­nal Mul­ti­di­sci­pli­na­ry Round­ta­ble. Medi­ci­ne & Sci­ence in Sports & Exer­cise 2019: 2375–2390. doi:10.1249/mss.0000000000002116
  6. [6]
    Jah­res­ta­gung der Deut­schen, Öster­rei­chi­schen und Schwei­ze­ri­schen Gesell­schaf­ten für Häma­to­lo­gie und Medi­zi­ni­sche Onko­lo­gie, Ham­burg, 10.–14. Okto­ber 2014: Abs­tracts. Oncol Res Tre­at 2014: 1–332. doi:10.1159/000368945
  7. [7]
    Obe­roi S, Robin­son PD, Cat­au­del­la D, et al. Phy­si­cal acti­vi­ty redu­ces fati­gue in pati­ents with can­cer and hema­to­poie­tic stem cell trans­plant reci­pi­ents: A sys­te­ma­tic review and meta-analysis of ran­do­mi­zed tri­als. Cri­ti­cal Reviews in Oncology/Hematology 2018: 52–59. doi:10.1016/j.critrevonc.2017.12.011
  8. [8]
    Ben­nett S, Pigott A, Bel­ler EM, et al. Edu­ca­tio­nal inter­ven­ti­ons for the manage­ment of cancer-related fati­gue in adults. Coch­ra­ne Data­ba­se of Sys­te­ma­tic Reviews 2016. doi:10.1002/14651858.cd008144.pub2
  9. [9]
    Ber­ger AM, Moo­ney K, Alvarez-Perez A, et al. Cancer-Related Fati­gue, Ver­si­on 2.2015. J Natl Com­pr Canc Netw 2015: 1012–1039. doi:10.6004/jnccn.2015.0122
  10. [10]
    Albert U‑S, Budach W, Foll­mann M, et al. S3-Leitlinie Mam­ma­kar­zi­nom. Leit­li­ni­en­pro­gramm Onko­lo­gie 2020. Im Inter­net: https://​www​.leit​li​ni​en​pro​gramm​-onko​lo​gie​.de/​l​e​i​t​l​i​n​i​e​n​/​m​a​m​m​a​k​a​r​z​i​n​om/; Stand: 26.04.2021
  11. [11]
    Howell D, Keller–Olaman S, Oli­ver TK, et al. A Pan-Canadian Prac­ti­ce Gui­de­line and Algo­rithm: Scree­ning, Assess­ment, and Sup­port­i­ve Care of Adults with Cancer-Related Fati­gue. Cur­rent Onco­lo­gy 2013: 233–246. doi:10.3747/co.20.1302
  12. [12]
    Bower JE, Bak K, Ber­ger A, et al. Scree­ning, Assess­ment, and Manage­ment of Fati­gue in Adult Sur­vi­vors of Can­cer: An Ame­ri­can Socie­ty of Cli­ni­cal Onco­lo­gy Cli­ni­cal Prac­ti­ce Gui­de­line Adapt­a­ti­on. JCO 2014: 1840–1850. doi:10.1200/jco.2013.53.4495
  13. [13]
    Schmidt ME, Her­mann S, Arndt V, et al. Pre­va­lence and seve­ri­ty of long-term phy­si­cal, emo­tio­nal, and cogni­ti­ve fati­gue across 15 dif­fe­rent can­cer enti­ties. Can­cer Med 2020: 8053–8061. doi:10.1002/cam4.3413
  14. [14]
    Schmidt ME, Berg­bold S, Her­mann S, et al. Know­ledge, per­cep­ti­ons, and manage­ment of cancer-related fati­gue: the pati­ents’ per­spec­ti­ve. Sup­port Care Can­cer 2020: 2063–2071. doi:10.1007/s00520-020–05686‑5

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