Was viele Anhänger der Alternativ-/Pseudomedizin nicht verstehen wollen: Wissenschaft ist keine Weltanschauung, sondern nur eine Methode. Sie soll uns helfen, unseren oft trügerischen und unzulänglichen Blick auf die Welt möglichst zu objektivieren. Denn wir müssen leider anerkennen, dass wir uns auf unsere subjektive Wahrnehmung nicht immer verlassen können: wir sind voreingenommen, unsere Sinne lassen sich leicht täuschen, wir machen Fehler und erkennen vermeintlich Muster und Zusammenhänge, dort wo keine sind. Bezogen auf die Heilkunde wappnet uns die Wissenschaft also ganz „unideologisierend“ davor, auf unwirksame Behandlungen zu setzen und/oder Scharlatanen unverdienter Weise unser Vertrauen zu schenken.
„Es gibt mehr Ding‘ im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt“
William Shakespeare
Wenn Menschen zur Begründung ihrer Ignoranz diesen Satz aus Shakespeares »Hamlet« zitieren, dann zeigt dies nur, dass sie die wissenschaftliche Methode nicht verstanden haben. Die moderne Fassung dieses Zitates ist übrigens der von Verfechtern der Alternativ- und Pseudomedizin gerne bemühte Hinweis, schon häufig habe sich die Wissenschaft geirrt und musste später etwas als bewiesene Tatsache anerkennen, was sie zuvor für unmöglich gehalten habe… Man suggeriert damit eine Willkürlichkeit – als müsse man nur lange genug warten, bis zwangsläufig alle noch so absurden Behauptungen irgendwann zur wissenschaftlichen Realität werden. Dies ist aber mitnichten der Fall!
Tatsächlich ringt die Wissenschaft jeden Tag darum, durch systematischen und beständigen Erkenntnisgewinn unser Wissen über die Welt zu erweitern, dabei Bewährtes zu vertiefen und Falsches auszumerzen, um sich so immer mehr einer möglichst wahrhaftigen Abbildung der Realität anzunähern. Je mehr dies gelingt, desto sicherer werden die getroffenen Aussagen und desto unwahrscheinlicher wird es, dass als gesichert geltende Erkenntnisse plötzlich widerrufen werden müssten.
Vertreter von alternativ- und pseudomedizinischen Verfahren können sich also nicht einfach darauf berufen, die Wissenschaft „sei eben nur noch nicht imstande, die Wirkung von Therapie XYZ nachzuweisen“. Sofern die vermeintliche Therapie bereits in ihren Grundannahmen im Widerspruch steht zu als gesichert geltendem Wissen oder gar den bislang unumstößlichen Naturgesetzen widerspricht, kann sie als falsch verworfen werden – oder sie muss eben [mithilfe wissenschaftlicher Methoden] den Beleg ihrer Wirksamkeit selbst antreten und sich dabei an der Realität messen lassen. Ansonsten gilt, was Christopher Hitchens so treffend formuliert hat:
Was ohne Beleg behauptet werden kann, kann auch ohne Beleg verworfen werden.
Christopher Hitchens
Das Informationsnetzwerk Homöopathie (INH) hat ganz aktuell einen schönen Artikel veröffentlicht, der viele der hier geäußerten Punkte in sehr ähnlicher Weise ebenfalls aufgreift1. (War dies etwa Gedankenübertragung? ;-)
Warum aber mache ich einen so großen Aufriss, warum darf zum Beispiel nicht einfach gelten: »wer heilt, hat Recht!«
Weil sich unser Gehirn nun Mal gerne täuschen lässt! Der Ausspruch müsste also eigentlich lauten: Wer vermeintlich heilt, hat nicht automatisch Recht – diese Heilung muss auch vor einer wissenschaftlichen Prüfung Bestand haben.
Warum wir die wissenschaftliche Methode brauchen
Wissenschaft heißt: sich mit der eigenen Fehlbarkeit auseinander zu setzen.
Viele Felder der Wissenschaftstheorie beschäftigen sich damit, wie durch unsere Art der Beobachtung, unsere innere Einstellung und vorgefasste Meinungen die Ergebnisse der Experimente unterbewusst beeinflussen… und wie wir diese Fehler möglichst vermeiden. Die Zusammenhänge sind oft sehr komplex und kaum verständlich, können aber Ergebnisse von Studien verfälschen! Im Folgenden nur einige willkürlich ausgewählte Beispiele:
Pareidolie

Unser Gehirn ist evolutionsbedingt darauf programmiert, Situationen schnell abzuschätzen und binnen Sekundenbruchteilen zu reagieren, um potenzielle Gefahren rasch abwenden zu können. Wir vergleichen hierzu unterbewusst ständig unsere Sinneswahrnehmungen mit vorhandenen Erinnerungen und versuchen, bekannte Muster zu erkennen.
Dass dabei unser Gehirn manchmal über das Ziel hinaus schießt, zeigt anschaulich das Phänomen der »Pareidolie«, wenn wir in unbelebten Objekten (Felsformationen, Gebäude, Wolken) vermeintlich Gesichter oder Formen erkennen2. Ein bekanntes Beispiel ist das „Marsgesicht“, das auf einer Fotoaufnahme der NASA Viking-Mission 1976 zu sehen war und das die Menschen zu wilden Spekulationen veranlasste. Viele glauben bis heute, es müsse sich um eine Botschaft Außerirdischer handeln, die extra für uns hinterlassen wurde.

Die Wahrheit ist leider viel profaner: Schatten und Bild-Übertragungsfehler (schwarze Pixel) lassen uns ein vermeintliches Gesicht sehen, wo keines ist. Ein neueres, höher aufgelöstes Bild der betreffenden Gesteinsformation muss dann auch ziemlich ernüchternd auf die Aliengläubigen wirken: ein Gesicht ist hierauf nicht zu erkennen. Allerdings meinen nun einige Alternativmediziner, man sehe auf dem Bild Strukturen des Trommelfells und Gehörknöchelchen3… Wie gesagt: »Pareidolie«!
So gut uns die Fähigkeit zur schnellen Mustererkennung in der freien Prärie geholfen hat, spielt sie uns in der Abschätzung komplexer Zusammenhänge unserer immer komplizierter werdenden Welt leider häufig einen Streich. So verleitet uns die so genannte Cluster-Illusion dazu, in einer statistisch verteilten Datenmenge vermeintliche Bedeutung zuzuschreiben… oder umgekehrt in einer scheinbar zufälligen Verteilung verbirgt sich eine Systematik, die wir aber nicht erkennen können.
Weitere Beispiele

Bestätigungs-Fehler (engl. »confirmation bias«) bezeichnet die Neigung, Informationen so auszuwählen, zu ermitteln und zu interpretieren, dass diese die eigenen Erwartungen erfüllen (bestätigen).
Regression zur Mitte bezeichnet die Tendenz, dass bei extremen Zuständen (z.B. Krankheiten) die weitere Entwicklung statistisch betrachtet meist in Richtung Mittelwert / Normalisierung geht. Das heißt, platt gesagt, die meisten Leute werden bei (Bagatell-)Erkrankungen wieder gesund, egal ob mit oder ohne Behandlung. Nur, dass jemand nach einer bestimmten Behandlung gesund wird, heißt also nicht, dass diese Behandlung wirklich gewirkt hat. Vielleicht wäre die Person auch einfach durch Nichtstun gesund geworden..?
Das Präventionsparadoxon beschreibt das Dilemma, dass eine Maßnahme die einer Gemeinschaft oder Bevölkerung viel Nutzen bietet, unter Umständen für den Einzelnen oft nur wenig bringt … und umgekehrt! Aus dem subjektiven Blick wird eine solche Behandlung daher meist unterschätzt. Hier spielt auch die Statistik der seltenen Ereignisse eine Rolle5. Hinzu kommt, dass wir Risiken ganz anders einschätzen, je nachdem, ob wir selbst betroffen sind oder nicht.

Haben wir eine Erkrankung erfolgreich überstanden, so werden wir dazu verleitet, diese als »gar nicht so schlimm« in Erinnerung zu behalten und darüber zu sprechen (Menschen, die an einer schweren Krankheit sterben, können auch schwerlich hernach davon berichten). Dies ist der so genannte Survivorship-Bias. Ein weiteres Beispiel hierfür waren die Bemühungen, Piloten im zweiten Weltkrieg zu schützen, indem man Flugzeuge dort besonders panzerte, wo besonders viele Einschusslöcher zu sehen waren … was man übersah: alle diese Löcher hinderten die Piloten nicht daran, zurück zu kehren. Andererseits konnte man nicht beurteilen, wo die Flugzeuge getroffen wurden, die in der Schlacht geblieben waren… also die wirklich wichtigen Stellen.
Korrelation und Kausalität müssen nicht zusammen hängen. Das heißt, nur weil zwei Beobachtungen zur gleichen Zeit gemacht werden, oder ein Ereignis direkt auf ein anderes folgt, bedeutet dies nicht, dass diese beiden zusammenhängen oder gar eines das andere ausgelöst hat.
Zusammengefasst kann man sagen, wissenschaftliche Methoden helfen uns zum Beispiel bei der Beurteilung einer statistischen Verteilung – sind bestimmte Muster purer Zufall oder steckt doch eine Systematik dahinter? Wirkt eine bestimmte Behandlung, ist sie unwirksam oder schadet sie gar?!
Bevor wir zu einem vorschnellen, möglicher Weise falschen Urteil gelangen, macht es Sinn, uns selbst zu hinterfragen: welche Gesetzmäßigkeit könnte der Verteilung der Ergebnisse zugrunde liegen und wie lässt sich dies überprüfen? – möglichst ohne, dass unsere Sinne uns täuschen! … und hier kommen wissenschaftliche Methoden ins Spiel!
Hypothesenbildung
Wie funktioniert nun also diese Wissenschaft? Meist startet alles mit einer Beobachtung, aus der sich Fragen ergeben (»Warum ist der Himmel blau?«). Nach der wissenschaftlichen Methode wird man nun versuchen, herauszufinden, was andere schlaue Köpfe bereits zu dieser Frage herausbekommen haben, bzw. wo eventuell noch ‚Knackpunkte‘ zu lösen sind. Eventuell werden sich durch die Recherche auch neue Fragen auftun.
Eine wissenschaftlich Hypothese oder Theorie ist immer nur dann gut, wenn sie sich an der Realität messen lassen kann.
Letztlich versucht man, sich das Beobachtete systematisch zu erklären. Hierzu wird mit aller gebotenen Vorsicht eine Hypothese formuliert, quasi eine vorläufige Antwort, die sich dann wiederum durch Experimente bestätigen oder widerlegen lässt. Eine wissenschaftlich Hypothese oder Theorie ist immer nur dann gut, wenn sie sich
- an der Realität messen lassen kann,
- sie Fragen beantwortet, die zuvor unbeantwortet geblieben sind
[oder sie beantwortet die Fragen vollständiger, eleganter und/oder besser, als die zuvorigen Hypothesen] und - diese Antworten nachvollziehbar /wiederholbar funktionieren.
Dabei muss sie sich eine Hypothese zwangsläufig auch als falsch erweisen dürfen: Lässt sich ein Naturphänomen nicht durch die Hypothese erklären, so muss die Hypothese eben als unnütz oder gar als falsch verworfen werden.
Die Alternativmedizin formuliert ihre Wirkbehauptungen auf andere Weise: sie leiten sich nicht ab von Naturbeobachtungen oder respektieren Naturgesetze, sondern widersprechen diesen häufig sogar. Auch sträuben sich die Vertreter solcher Denkrichtungen davor, dass ihre Hypothesen widerlegt werden könnten. Lieber suchen sie nach Umständen, die vermeintlich ihre Weltsicht bestätigen und ignorieren dabei alle widersprüchlichen Fakten (so genanntes »cherry picking«).
tl;dr
die Wissenschaftliche Methode ist unabdingbar, um uns einen möglichst unverfälschten Blick auf die Welt zu ermöglichen. Sie schützt uns vor Selbsttäuschung und Fehlannahmen.
Ich möchte in Zukunft gerne mehr über verschiedene wissenschaftliche Ansätze (in der Medizin) schreiben. Demnächst folgt ein Artikel, in dem ich über die verschiedenen Typen klinischer Studien schreibe… und warum möglichst viele gut gemachte Studien nötig sind, um die Wirksamkeit medizinischer Therapien zu beurteilen.
Quellen und Anmerkungen:
- INH: Die Kritik an der Homöopathiekritik – Teil III: „Wissenschaftler sagen, Homöopathie ist nicht möglich“, zuletzt abgerufen am 28.05.2020 ↑
- Frimmer V.: „Warum wir überall Gesichter sehen“. Der Spiegel 12/2017, zuletzt abgerufen am 28.05.2020 ↑
- Kayyam E: New view and perspective to interpret the so called Martian Face by using the descriptive analysis. A Simple comparison made between the Ear drum “Tympanic Membrane” and Face of Mars. 2011 ↑
- Haben Sie sich einen Eindruck der Tischplatten gemacht? Sind sie auch der Meinung, der linke Tisch ist lang und schmal, während der rechts breiter und tiefer wirkt? Falsch gedacht! Die Flächen sind absolut gleich! Sie dürfen es gerne nachmessen. aus Thaler R & Hunstein C (2009). ↑
- von Lüders,R : „Die Statistik der seltenen Ereignisse.“ Biometrika, Volume 26, Issue 1–2, May 1934, Pages 108–128, https://doi.org/10.1093/biomet/26.1–2.108 ↑