Am Giftschrank der Pseudomedizin habe ich heute in die tiefste, übelste Schublade gegriffen und die so genannte „Germanische Neue Medizin“ (GNM) herausgeholt. Diese vom inzwischen verstorbenen ehemaligen Arzt Ryke Geerd Hamer entwickelte angebliche Heilkunde findet leider noch immer ihre Anhänger. Bekanntester GNM-Jünger ist Helmut Pilhar, dessen Tochter fast an den Folgen der Hamer’schen „Krebsbehandlung“ gestorben war und die nur durch Sorgerechtsentzug und eine eilig eingeleitete onkologische Therapie gerettet werden konnte.
Inzwischen wurde um die Grundidee der GNM herum ein regelrechtes Wahngebilde an angeblichen ‚Fünf biologischen Naturgesetzen‘ und pseudo-naturphilosopisch hergeleiteten Schein-Begründungen erschaffen1. Ein schier undurchschaubarer Wust von Selbstreferenzierungen und vermeintlicher „Verifizierungen“ soll dies legitimieren. Jedoch hält alles selbst einer oberflächlichen kritischen Überprüfung nicht stand. Das „Sahnehäubchen“ für die verschwurbelte Quacksalberei bildet ein ausgeprägt antisemitischer, völkisch-nationaler Unterbau2.
Der skurrile GNM-Schöpfer: Ryke Geerd Hamer
Sie merken es: ich kann und will meine Abneigung gegenüber der GNM, die viel unnötiges Leid und Tod über die Menschheit gebracht hat, nicht verhehlen. Andererseits versuche ich, dennoch eine gewisse distanzierte „professionelles Empathie“ mit dem Haupt-Protagonisten aufrecht zu erhalten: Ryke Geerd Hamer ist eine tragische Figur, keine Frage. Der Auslöser für seinen dramatischen Absturz in die Tiefen der Pseudomedizin und Verschwörungstheorien dürfte der Tod seines 19-jährigen Sohnes Dirk gewesen sein. Dieser wurde im Jahre 1978 unter nie ganz geklärten Umständen während eines Korsika-Urlaubes von (einer) verirrten Karabinerkugel(n) getroffen; Hamer holte den schwerverletzten Sohn daraufhin – gegen den Rat der behandelnden Ärzte – nach Deutschland, wo er später verstarb. Hamer kämpfte viele Jahre vor Gericht darum, den prominenten mutmaßlichen Schützen zur Rechenschaft zu ziehen; letztlich einigte man sich wohl außergerichtlich, unter Zahlung einer unbekannten Entschädigungssumme (angeblich ca. 200.000 DM)3. Etwa zu dieser Zeit erkrankte Hamer selbst an Hodenkrebs, der zum Glück rasch durch eine Operation geheilt werden konnte.
Trauma und Traumvisionen werden zu krudem Weltbild
Unter dem Eindruck der dramatischen Ereignisse in seinem Leben entwickelte Hamer daraufhin eigentümliche Ideen, in denen er einen ursächlichen Zusammenhang herstellte zwischen dem Schock über den Tod des Sohnes und der eigenen Krebserkrankung, von ihm als ‚Dirk-Hamer-Syndrom‘ bezeichnet. Bestärkt wurde er nach eigenen Angaben durch den Geist seines verstorbenen Sohnes, der ihm in Traumvisionen mehrfach erschien. Ausgehend von diesem individuellen Krankheitsmodell leitete Hamer die sogenannte ‚Eiserne Regel des Krebs‘ ab.
Dieses aus Hamers Biografie und Traumwelten entsprungenen pseudo-wissenschaftlichen Konstrukt, von ihm zunächst als „Neue Medizin“ bezeichnet, entwickelte Hamer stetig weiter. Bald war er überzeugt, die Ursache jeder Krankheit – nicht nur von Krebs – zu kennen und deren Therapie gleich mit gefunden zu haben: Krankheiten, so Hamer, seien nämlich grundsätzlich zurückzuführen auf einen psychologisch/neuro-biologischen ‚Konflikt‘ oder ‚Schock‘-Erlebnis. Der Hodenkrebs sei, zum Beispiel, logische Folge des Verlusts eines nahen Angehörigen: der Hoden schwelle laut Hamer nur deshalb an, um mehr Spermien zu produzieren und Nachkommen zeugen zu können, um den Verlust auszugleichen.
Weitere Beispiele für solche Hamer’schen Konflikte sind der ‚Trennungskonflikt‘ von einer Bezugsperson als Auslöser rheumatischer Erkrankungen, eine ‚Smegma-Allergie‘ als Grund für AIDS (das Vorhandensein des HI-Virus leugnete Hamer)4 oder ein ‚Sexual-/bzw. Ekelkonflikt‘, als Auslöser eines Diabetes bei [linkshändigen] Frauen5 .
Die körperlichen Symptome einer Krankheit wertete Hamer in diesem Kontext nur Ausdruck der physiologischen seelischen Konfliktbewältigung, sogenannte ’sinnvolle biologische Sonderprogramme (SBS)‘. Keineswegs solle man diese Symptome bekämpfen, sondern müsse lediglich den zugrunde liegenden seelischen Konflikt lösen, dann würden die Beschwerden von ganz alleine verschwinden. Nachweisbar sei das Konfliktgeschehen durch spezifische Erscheinungen auf einer Computertomografie des Hirns, die angeblichen ‚Hamer’schen Herde’6. In Wahrheit handelt es sich bei diesen angeblichen Herden lediglich um technische Artefakte der frühen CT-Geräte, bzw. um meist harmlose und schon lange bekannte Hirnveränderungen, die jedenfalls in keinem Zusammenhang mit der von Hamer propagierten Krankheit stehen6.
Kränkung und Trotz
Hamer verfasste über seine „Neue Medizin“ ein Pamphlet, mit dem er sich an der Universität Tübingen zu habilitieren versuchte. Die Hamer’sche Schrift wurde jedoch aufgrund methodischer und inhaltlicher Mängel nicht zur Habilitation zugelassen. Viele Jahre hinweg versuchte er, erfolglos über mehrere Instanzen, auf gerichtlichem Weg die Annahme seiner Habilitationsschrift zu erzwingen7.
Fortan behandelte Hamer munter Patienten nach seiner Lehre. Diagnostizierte einerseits Krankheiten, die es nicht gab, um die Patienten dann ‚erfolgreich‘ wieder davon zu ‚heilen‘, hielt andererseits nachweislich schwer erkrankte Patienten von einer wirksamen Therapie ab, und quacksalberte stattdessen an ihnen herum, was nur wenige überlebten. Hamer indes bestritt immer die Misserfolge und verwies auf ‚Komplikationen im Heilungsprozess‘ oder gab die Schuld den Opfern, die seine Anweisungen nicht strikt genug befolgt hätten, etwa weil sie eine schulmedizinische Schmerztherapie in Anspruch nahmen (Schmerzen müssen laut der GNM als ‚heilsam‘ ertragen werden).
Die Opfer der GNM
Eines der bekanntesten Beispiele für Hamers Vorgehen war der Fall des Mädchens Olivia Pilhar, die an einem Wilms-Tumor litt und dessen Eltern, trotz guter Heilungschancen, auf Hamers Anraten die medizinische Therapie verweigerten. Es folgte eine spektakuläre Flucht, immer begleitet durch Vertreter der Boulevardpresse, die leider auch Hamer eine willkommene Bühne zur Verbreitung seiner wirren Ideen boten. Während der Tumor (für jeden klar denkenden Menschen) sichtbar weiter wuchs, bescheinigte Hamer realitätsentrückt, das Mädchen sei auf dem Weg der Besserung. Olivia konnte letztlich nur durch den Sorgerechtsentzug und eine notfallmäßige Behandlung gerettet werden, ihre Eltern wurden wegen fahrlässiger Körperverletzung rechtskräftig verurteilt8. Hamer selbst entzog sich der juristischen Verfolgung in Österreich durch Flucht.
Ein weiterer tragischer Fall wurde 2009/2010 medienkundig: Hamer begutachtete ein angeblich erfolgreich durch GNM behandeltes krebskrankes Mädchen und bescheinigte ihr bis zuletzt, ‚quasi geheilt‘ zu sein; die Eltern verweigerten sich daher der dringend empfohlenen Therapie – selbst als Metastasen nachweisbar wurden (was Hamer vehement bestritt) und es dem Kind zunehmend schlechter ging. Das Mädchen erlag in der Folge bedauernswerter Weise seinem Krebsleiden; Hamer äußerte daraufhin Mutmaßungen, man habe dem Mädchen ‚heimlich einen Chip implantiert [..], sodass man sie punktgenau ausknipsen konnte’9 – alles, um die GNM und Hamer selbst zu diskreditieren.
Schwurbelmedizin gewürzt mit Antisemitismus
„am Ende soll dieses wunderbare Göttergeschenk dann vielleicht Jüdische Neue Medizin heißen. Dann nennen wir sie doch vorher lieber Germanische Neue Medizin.“
Ryke Geerd Hamer, offener Brief auf seiner Homepage (inzwischen gelöscht)
Hamer sah sich gerne als Opfer einer Verschwörung gegen ihn und seine ‚revolutionären‘ Ideen. So wähnte er andere Ärzte als Handlanger einer ‚jüdischen Medizin‘, die darauf aus sei, den nicht-jüdischen Volkskörper zu schwächen. Chemotherapie bezeichnete er als ‚Massenmord an nicht-Juden‘, während Juden angeblich heimlich eine viel wirksamere Therapie erhielten, die seine Ideen der „Neuen Medizin“ gestohlen habe10.
Konsequenter Weise benannte er seine Lehre denn auch um in „Germanische Neue Medizin“, um an eine völkische Tradition anzuknüpfen und um seine Ideen von jüdischen Einflüssen zu schützen. Hiermit fand er großen Anklang bei Rechts-Nationalen und in der Reichsbürgerszene. Auch ließ er sich verschiedene Begriffe der GNM als Markenname registrieren.
Entzug der Approbation, Verbot der Berufsausübung
Hamer wurde im Jahr 1986 unter Hinweis auf die Schwächung seiner geistigen Kräfte, seine Unzuverlässigkeit und gleichzeitige Unbelehrbarkeit bei psychopathologischer Persönlichkeitsstruktur die Fähigkeit zur Ausübung des Arztberufes aberkannt und entsprechend die Approbation entzogen11 – es wurde ihm untersagt, forthin ärztlich tätig zu sein. Da er dennoch weiter Patienten behandelte, mit oft tödlichem Ausgang, wurde er in der Folge mehrfach, auch im Ausland, rechtskräftig verurteilt – unter anderem wegen fahrlässiger Tötung, Schwerer Körperverletzung, Verstoß gegen das Heilpraktikergesetz und Betrug – er saß wiederholt Gefängnisstrafen ab12 ; der Vollstreckung weiterer Haftstrafen entzog er sich durch Flucht – zunächst nach Frankreich und Spanien, als er auch dort einschlägig gerichtskundig wurde, floh er weiter nach Norwegen. Bis zu seinem Tode waren europaweit mehrere Verfahren anhängig, es sind zig ‚misslungene‘ seiner Behandlungen mit Todesfolge gut dokumentiert (beispielhaft:13,14,15,16 ).
Trotz seines offensichtlich derangierten Geisteszustandes übt Hamer – wie leider viele Quacksalber – selbst über seinen Tod hinaus, leider eine seltsame Anziehungskraft aus, der sich einige Menschen nicht entziehen können. So verfügt die GNM über treue Anhänger, die mit quasi-religiösem Eifer diese Irrlehre vertreten. Allen voran der bereits erwähnte Helmut Pilhar, der mit der Lobbyarbeit für die GNM bis heute seinen Lebensunterhalt bestreitet17.
Zum Opfer der GNM-Schlangenölverkäufer werden vor allem schwerkranke Menschen, die verzweifelt nach jedem Strohhalm greifen und auch (chronisch) kranke Kinder, die sich nicht wehren können, wenn ihre Eltern sie der medizinischen Behandlung entziehen und lieber mit der GNM herumexperimentieren. Leider werden dadurch immer wieder psychische und physische Schäden bis hin zur Todesfolge in Kauf genommen, gerne unter dem zynischen Hinweis, die Schulmedizin sei ja für viel mehr Opfer verantwortlich.
Fazit, Bewertung der Fachwelt
Ich muss wohl nicht extra erwähnen, dass sämtliche anerkannten Experten, medizinische Dachverbände und Fachgesellschaften, ja selbst kirchliche Vertreter sich höchst kritisch über die GNM äußern und diese, ebenso wie ich, vehement als unethisch und gefährlich ablehnen:
- Stellungnahme des Arbeitskreises Prävention und integrative Onkologie (PriO) der Deutschen Krebsgesellschaft
- Stellungnahme der Evang. Kirche im Rheinland
- Sekten-Info NRW – ‚Die „Germanische Neue Medizin“ von Ryke Geerd Hamer‘
Quellen und Anmerkungen:
- Psiram.com: „Germanische Neue Medizin“, zuletzt abgerufen am 18.05.2020 ↑
- Psiram.com: „Ryke Geerd Hamer und Antisemitismus“, zuletzt abgerufen am 18.05.2020 ↑
- Fiedler, T & Schnippen, C: „»Krebsarzt« Dr. Geerd Hamer – Leichen pflastern seinen Weg“. Zeitungsartikel vom 24.11.1983, Stern. ↑
- [Archiv] Germanische Heilkunde – Dr.med. Mag.Theol. Ryke Geerd Hamer: „Dr.med.Mag.theol. Ryke Geerd Hamer an Prof. Dr. Müller Univ. Kinderklinik Graz“, zuletzt abgerufen am 18.05.2020↑
- [Archiv] „Dr. Ryke Geerd Hamer – Vermaechtnis einer Neuen Medizin Teil 2“, zuletzt abgerufen am 18.05.2020 ↑
- Psiram.com: „Hamerscher Herd“, zuletzt abgerufen am 18.05.2020 ↑↑
- Lang, HJ: „Ryke Geerd Hamer streitet weiter mit der Tübinger Universität“, Zeitungsartikel vom 29.06.2010, Schwäbisches Tagblatt ↑
- Urteil des Landesgericht Wiener Neustadt, Abteilung 40, vom 11.11.1996 in der Strafsache gegen Erika und Helmut Pilhar; Urteil des Oberlandesgerichtes Wien als Berufungsgericht vom 4. September 1997 in der Strafsache gegen Erika und Helmut Pilhar ↑
- Ambrusch, D: „Krebstod einer Zwölfjährigen: Wunderheiler versprach Hilfe – und Susanne starb doch“. Zeitungsartikel vom 20.01.2010, Augsburger Allgemeine ↑
- [Archiv] „Dr Hamer an SWR, Korrespondenz vom 13.12.2002“, zuletzt abgerufen von 18.05.2020↑
- Urteil des VG Koblenz, Aktenzeichen 9 K 215 / 87: in der Sache Dr. med. Ryke Geerd Hamer gegen das Land Rheinland-Pfalz; Revisionsurteil des OVG Rheinland-Pfalz, Aktenzeichen 6 A 10035/89.OVG, vom 21.09.1990 [Volltext]↑
- afp: „Haftstrafe für Hamer“. Dtsch Arztebl 1997; 94(40): A‑2542 / B‑2171 / C‑2034. [Volltext] ↑
- APA: „18-jährige Krebspatientin verstirbt nach verweigerter Behandlung“, Zeitungsartikel vom 02.09.2016, Der Standard↑
- Roebke, A & Benkhelouf, A : „Das Wirre Weltbild der Germanischen Neuen Medizin“, Rundfunkbeitrag vom 14.04.2015, Norddeutscher Rundfunk (NDR) ↑
- Neffe, J: „Ich bin der Jäger, nicht der Gejagte!“, Der Spiegel 32/1995, S. 162–164. [Volltext]↑
- Psiram: „Opfer der Germanischen Neuen Medizin“, zuletzt abgerufen am 18.05.2020↑
- Reibenwein, M: „Die eigenartige Welt des Helmut Pilhar“, Zeitungsartikel vom 21.07.2017, Kurier.at ↑

